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Grabrede des Sohnes (30. März 1994, Döblinger Friedhof, Wien)

image“Wir haben uns hier versammelt, um von dem Maler und Grafiker Lucas Mahrenbrand Abschied zu nehmen.

Für einige von Euch mag es - aufgrund eures religiösen Glaubens - ein Abschied auf Zeit sein, für die anderen ein Abschied für immer. Lucas Mahrenbrand zählte zu den anderen.

Ihn hat sein unbeirrbares Denken zu der Überzeugung gelangen lassen, daß der Mensch aus dem Nichts kommt und sich auf einer “Wanderung” ins Nichts befindert, daß er nur ein kurz aufflackernder Funke ist; ein Funke, der so willkürlich, wie er entflammt, auch wieder verglüht. So wie eines Tages auch die Erde verglühen wird.

Dieser Prozeß menschlichen Aufleuchtens und Vergehens war für ihn lediglich eine winzige geophysikalische Reaktion und kein Ausdruck eines göttlichen Willens. Seiner Auffassung nach wäre es auch eine Gottheit von der traurigen Gestalt gewesen, die solch eine schöpferische Unfähigkeit zu verantworten gehabt hätte.

Das menschliche Bestreben, aus den einzelnen Funken eine ewige Flamme zu konstruieren, das Klammern an den Gedanken eines Lebens nach dem Tode, war für ihn lediglich Ausdruck menschlicher Unfähigkeit, sich die Banalität des eigenen Seins einzugestehen.

Für ihn war die religiöse Transzendierung des menschlichen Selbst, also die Vorstellung von einem Leben nach dem Tode, lediglich ein Mechanismus der den Menschen hilft jene Angst und Verzweiflung auszuhalten, die sie vor dem Abgrund ihrer eigenen mangelnden Sinnhaftigkeit erfassen muß. Menschen, die weder intellektuell, noch von ihrer Persönlichkeitsstruktur her in der Lage sind, ihre universelle Nichtigkeit einzusehen und diese Erkenntnis vor allem auch auszuhalten.

Nun, er hat das ausgehalten! Als bildender Künstler war er aber auch in einer privilegierten Situation. Als solcher hat er ein Lebenswerk geschaffen, von dem bereits zu seinen Lebzeiten klar war, daß es ihn und viele weitere Generationen überleben würde. Dessen war er sich völlig bewußt.

Kulturelle Leistungen waren wohl auch die einzige Vorstellung von Unsterblichkeit, die er je uneingeschränkt akzeptiert hat: ein Überdauern vergänglicher menschlicher Körperlichkeit und gesellschaftlicher Moden und Geschicke, das lediglich in der eigenen originären und daher unverwechselbaren Leistung begründet liegt.

Seine geistige und künstlerische Originalität war seine überragende persönliche Leistung. Doch auch die hat ihre historische Wurzel:

Das zentrale und alles prägende Ereignis seines Lebens war wohl der Sturz über die Kellertreppe, der ihn im Alter von 6 Jahren das Gehör kostete. In die Welt dieses nunmehr fast völlig tauben Kindes haben nur mehr einige wenige - zumeist laut gebrüllte - Worte via Hörrohr Eingang gefunden.

Eine Schulbildung hat er daher auch so gut wie nicht genossen. Sein gesamtes Wissen sowie alle seine künstlerischen Fertigkeiten hat er sich im Laufe der Jahre als Autodidakt und vorwiegend visuell aneignen müssen. Eine diskursive Feinabstimmung mit den gängigen Meinungen und Moden war damals so gut wie nicht möglich.

Seine Taubheit hatte ihm eine Einsamkeit auferlegt, die er mit einem ungemein lebendigen inneren Dialog bewältigte. Ein Dialog, der sich der Umwelt gegenüber zum einen in Form des künstlerischen Werkes und zum anderen in absolut eigenständigen intellektuellen Positionen offenbarte.

Seine Einsamkeit und die darin aufgebaute geistige Welt, hat nicht nur seine Urteilsfähigkeit geschärft, sondern seine gesamte Persönlichkeit bestimmt. Seine innere Unabhängigkeit hat ihn so stark gemacht, daß er stets gewillt war, jedem und allem zu trotzen. Er hat bis zuletzt eher sein Leben aufs Spiel gesetzt als sich zu beugen. Es war so gut wie unmöglich, ihm den eigenen Willen aufzuzwingen.

Wenige Wochen vor seinem Ableben noch sagte er wörtlich:

“Wenn ich heute mein Leben Revue passieren lasse, dann kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Ich bin zwar alt, krank und schwach geworden, aber ich habe in meinem Leben nie einen Herrn gehabt. Weder in der Familie, noch in der Politik, noch in der Wirtschaft und schon gar nicht in der Kunst.”

Lucas Mahrenbrand war ein kritischer Geist auf der Basis bürgerlicher Werte. Sagen wir: ein bürgerlicher Intellektueller. Er war der Kritiker des Bürgertums seiner Zeit. Eines Bürgertums, das er bis ins hohe Alter als kulturlos und lediglich geldgierig verabscheute, welches ihn aber nichts desto trotz in seinem Selbstwertgefühl und seinem sozialen Handeln nachhaltig geprägt hat.

In der Monarchie geboren, hat dieser Mann mehrere Gesellschaftssysteme erlebt und letztlich kritisch reflektiert. Seine Kunst diente ihm jedoch nur selten als Medium für Gesellschaftskritik. Sie war einerseits Ventil seiner aufgestauten und kaum kommunizierbaren Gefühlswelt und brachte andererseits seine Reflexionen über philosophische Grundfragen zum Ausdruck.

Zum künstlerischen Abbau seiner emotionalen Spannungen bediente er sich zumeist der Kohle und der selbst hergestellten Pastellkreiden, die ihm die spontane Umsetzung seiner Stimmungen ermöglichten.

Um seine geistigen Erkenntnisse künstlerisch adäquat umsetzen zu können, hat er sich in seiner letzten Schaffensperiode einer abstrakt-symbolistischen Malweise zugewandt. Dazu entwickelte er einen völlig originären Malstil, der auf der ungewöhnlichen Materialkombination von Japantusche und Kunststoff-Folienkarton basierte und eine völlig neue Form einer Ausspartechnik ermöglichte. Er nannte diesen Stil “Weiße Hieroglyphen” und ihr Charakteristikum ist, daß das reine Weiß als tragendes graphisches Element zum Einsatz kommt. Diese eigene und unverwechselbare künstlerische Ausdrucksform erforderte ein der Thematik und der zunehmend rationalen Abgeklärtheit des Künstlers entsprechendes hohes Maß an geistiger Konzeptionstätigkeit und Vorausplanung.

Auf die Anteile von Emotionalität und Rationalität in seiner künstlerischen Arbeit angesprochen, meinte er anno 1990:

“Über das diesbezügliche Verhältnis bin ich mir bei meiner Person nicht im Klaren. Ich bin kein Tiefenpsychologe. Ich weiß nur, daß ich habe malen müssen, daß es aus mir herausgebrochen ist. Es war mein Ventil, das verhindert hat, daß die Maschine explodiert.”

So stark auch der Dampfkessel seiner emotionalen Spannungen früher gebrodelt hat, so sehr hat ihn das Alter zu einer geistigen als auch emotionalen Abgeklärtheit und zu kühler, rationaler Distanz geführt.

Der Maler & Grafiker Lucas Mahrenbrand war ein Monolith an Persönlichkeit - in jeder Hinsicht originär. Ein Mensch, der jegliches Wischiwaschi verabscheute und der in nahezu allem seinem Denken und Handeln stets immer unverkennbar er selbst war.

In unseren Köpfen bleibt er jedem von uns solange erhalten, bis uns unsere eigene Vergänglichkeit eingeholt hat. Mit unseren Erzählungen und Überlieferungen wird er darüber hinaus vielleicht noch mehreren Generationen im Gedächtnis bleiben. Mit seinem künstlerischen Gesamtwerk hingegen wird er die Zeiten überdauern und jene beeindruckende Präsenz erlangen, mit der er zu Lebzeiten nur im engsten Kreise bestechen konnte.

Er war nicht - Er wurde - Er ist nicht mehr.”